Ratgeber
KI-Projektkontext aufbauen: Warum dein Projekt nicht mehr mit jeder Session neu anfangen sollte
Jede neue KI-Session beginnt leer. Wer kein System hat, erklärt sein Projekt bei jedem Chat wieder von vorn — egal mit welchem Tool.
Warum KI den Kontext nicht behält — und warum das nicht das eigentliche Problem ist
Das Kontextfenster: eine technische Grenze, kein Fehler
KI-Sprachmodelle arbeiten mit einem Kontextfenster. Alles, was in diesem Fenster steht — die laufende Konversation, hochgeladene Dateien, System-Prompts — steht dem Modell zur Verfügung. Was außerhalb liegt, existiert nicht.
Das bedeutet: Jede neue Konversation beginnt ohne Kenntnis der vorherigen. Das Modell weiß nicht, was in der letzten Session beschlossen wurde, welche Dateien es nicht anfassen soll, oder wo das Projekt gerade steht. Das ist kein Fehler — es ist das Design dieser Systeme.
Das tiefere Problem: Entscheidungen, die im Chat versinken
Die technische Grenze des Kontextfensters ist handhabbar. Das tiefere Problem ist ein anderes: Es gibt meist keinen Ort, an dem Projektentscheidungen, der aktuelle Stand und die wichtigsten Einschränkungen festgehalten werden — außerhalb von Chats.
Die Folge ist ein typischer Ablauf: Man öffnet eine neue Session, erklärt das Projekt von vorn, referenziert Entscheidungen aus dem Gedächtnis, gibt dem Modell den aktuellen Stand durch. Das kostet Zeit — und führt zu Inkonsistenzen, wenn man Details vergisst oder den Stand ungenau beschreibt.
Was ein Projektkontext-Dokument ist
Die Idee: eine Datei, die außerhalb jedes Chats lebt
Ein Projektkontext-Dokument ist eine einfache Textdatei — meist Markdown — die das Wichtigste über ein Projekt zusammenfasst: Was wird gebaut, für wen, was ist das aktuelle Ziel, was wurde bereits entschieden, was darf nicht geändert werden, was ist der nächste sinnvolle Schritt.
Diese Datei lebt nicht in einem Chat. Sie liegt im Projektordner. Man referenziert sie zu Beginn jeder relevanten Session, lädt sie hoch oder fügt ihren Inhalt als Kontext ein. Das Modell bekommt sofort den Stand — ohne lange Erklärungen.
Worin sich ein Projektkontext von einem System-Prompt unterscheidet
Ein System-Prompt ist eine Instruktion, die dem Modell sagt, wie es sich verhalten soll: Ton, Rolle, Format. Er ist generisch und wird bei vielen Projekten gleich verwendet.
Ein Projektkontext ist projektspezifisch. Er beschreibt ein konkretes Vorhaben, seinen aktuellen Stand und seine Grenzen. Er ändert sich mit dem Projekt — ein System-Prompt typischerweise nicht. Beides kann kombiniert werden; sie lösen aber unterschiedliche Probleme.
Was ein KI-Projektkontext enthält
Die sechs Kernfelder
Ein einfacher Projektkontext für die KI-Arbeit braucht kein aufwändiges Format. Sechs Felder decken den Großteil der täglichen Arbeit ab:
Wie ein ausgefüllter Projektkontext in der Praxis aussieht, zeigt das fiktive Beispielprojekt FeedbackPing:
Was nicht hineingehört
Nicht alles, was zum Projekt gehört, gehört in den Projektkontext. Folgendes macht die Datei unübersichtlich und untergräbt ihren Zweck:
- Vollständige Codeausschnitte oder ganze Dateiinhalte — gehören in die konkrete Aufgabe, nicht in den Kontext.
- Gesprächsprotokolle aus vorigen Sessions — werden schnell unübersichtlich und veralten.
- Allgemeine Formatierungsregeln — gehören in den System-Prompt.
- Sensible Daten wie API-Keys oder Zugangsdaten — dürfen nie in eine Datei, die als Kontext übergeben wird.
Das zweite Problem — Entscheidungen dokumentieren
Warum Entscheidungen aus dem Chat-Verlauf verschwinden
Jedes Projekt baut auf Entscheidungen. Manche entstehen aus einer KI-Session heraus — nach dem Abwägen von Optionen, nach einer Einschätzung des Modells. Diese Entscheidungen verschwinden im Chat-Verlauf.
In einer späteren Session fragt man das Modell neu — oder erinnert sich ungenau. Das führt zu Inkonsistenzen: Die Datenbankstruktur sollte unveränderlich sein, aber das Modell weiß das nicht. Das Bezahlsystem ist bereits gewählt — aber nicht festgehalten. Eine Funktion wurde aus gutem Grund aus dem Scope gestrichen — aber in der nächsten Session wird sie neu vorgeschlagen.
Das Gründer-Entscheidungslog: eine Datei für das, was nicht verloren gehen darf
Die Lösung ist eine separate Datei: FOUNDER_DECISIONS.md. Sie hält jede wichtige Entscheidung
fest — mit Begründung und Datum.
Ein Beispiel aus dem Beispielprojekt FeedbackPing:
DR-0001: Eine Frage statt Survey — mit optionalem Kommentarfeld
Begründung: Maximale Einfachheit für den ersten Test;
Kommentarfeld gibt Kontext ohne Pflicht.
Stand: umgesetzt Jede KI-Session, die eine dieser Entscheidungen betrifft, bekommt die Datei als Kontext. Das Modell kennt den Stand und fragt nicht neu nach — es arbeitet mit dem, was bereits beschlossen wurde.
Warum der modellunabhängige Ansatz wichtig ist
ChatGPT Projects und Memory: was sie können und was nicht
ChatGPT Projects und Memory sind nützliche Features. Sie ermöglichen, Chat-Verläufe und Notizen innerhalb von ChatGPT persistent zu halten. Für reine ChatGPT-Workflows kann das ausreichen.
Aber sie haben eine strukturelle Grenze: Beide funktionieren nur innerhalb von ChatGPT. Wer Claude für Implementierungsarbeit und ChatGPT für Strategiegespräche nutzt, hat zwei getrennte Kontextsilos. Claude weiß nicht, was in ChatGPT Projects steht. Eine Entscheidung aus der letzten ChatGPT-Session ist Claude unbekannt.
Ein System, das mit Claude, ChatGPT und Codex gleich funktioniert
Eine Markdown-Datei funktioniert mit jedem Tool. Sie wird in Claude hochgeladen, in ChatGPT als Text eingefügt, von Codex als Projektdatei gelesen. Das Format ist universell — keine API, kein Abo, keine Plattform.
Das ist kein Kompromiss gegenüber einem Tool-eigenen System — es ist ein Vorteil. Wer heute Claude verwendet und morgen ein anderes Modell ausprobiert, muss seinen Projektkontext nicht neu aufbauen. Die Datei bleibt. Die Entscheidungen bleiben. Der Stand bleibt.
Das AI Founder Kit: Projektkontext als Kernstück
Was das Kit enthält
Das AI Founder Kit enthält vorgefertigte Vorlagen für genau diesen Workflow:
PROJECT_CONTEXT.md, FOUNDER_DECISIONS.md, START_HERE_FOR_HUMAN.md
und START_HERE_FOR_AI.md. Kein Account, kein Abo — lokale Dateien im Projektordner.
Die Kit-Dateien selbst sind auf Englisch, damit sie mit allen gängigen Modellen zuverlässig funktionieren.
START_HERE_FOR_HUMAN.md erklärt, in welcher Reihenfolge das Projekt einzurichten ist und was in
der ersten Woche zu tun ist. START_HERE_FOR_AI.md ist die Einstiegsdatei für die KI: Sie erklärt
dem Modell, wie das Projekt strukturiert ist, welche Regeln gelten und wo es weitermachen soll.
Wie Startdateien den Loop schließen
Der typische Ablauf ohne Struktur: Man öffnet eine neue Session, erklärt den Stand, macht Fehler, weil das Modell den Kontext nicht hatte.
Der Ablauf mit dem Founder Kit: Man öffnet eine neue Session, gibt START_HERE_FOR_AI.md als
Kontext, das Modell kennt das Projekt und beginnt dort, wo man aufgehört hat. Das ist keine Magie — es ist
Struktur. Die Datei ersetzt nicht das Denken. Sie stellt sicher, dass der Stand festgehalten ist, bevor man
anfängt zu arbeiten.
Wer später mehrere KI-Tools koordinieren möchte, kann auf das Modell-Routing oder den vollständigen Workflow aufbauen, der beide Ebenen verbindet. Die vorgelagerte Frage — welches KI-Modell für welche Aufgabe sinnvoll ist — behandelt ein eigener Entscheidungsrahmen.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen einem System-Prompt und einer Projektkontext-Datei?
Ein System-Prompt gibt dem Modell Verhaltensregeln: Ton, Rolle, Format. Er ist generisch und ändert sich selten. Eine Projektkontext-Datei beschreibt ein konkretes Vorhaben: Ziel, Stand, Entscheidungen, Rahmenbedingungen. Sie ist projektspezifisch und entwickelt sich mit dem Projekt. Beides kann kombiniert werden — es löst aber unterschiedliche Probleme.
Reicht ChatGPT Projects nicht als Lösung?
Für reine ChatGPT-Workflows kann es ausreichen. Es hat jedoch eine wichtige Grenze: Es funktioniert nur innerhalb von ChatGPT. Wer mehrere Modelle nutzt — zum Beispiel Claude für Implementierungen und ChatGPT für Strategie — braucht etwas, das alle Modelle lesen können. Eine Markdown-Datei funktioniert mit jedem Tool.
Funktioniert das mit ChatGPT, Claude und Codex?
Ja. Eine Markdown-Datei hat kein Tool-Lock-in. Sie wird in ChatGPT als Text eingefügt, in Claude hochgeladen oder als Kontext übergeben, von Codex als Projektdatei gelesen. Das Format ist universell — kein Abo, kein Account, keine Plattform.
Wie oft sollte der Kontext aktualisiert werden?
Immer dann, wenn sich etwas Grundlegendes ändert: eine neue Phase beginnt, eine wichtige Entscheidung fällt, oder der aktuelle Stand sich wesentlich verändert. Für die meisten Projekte reicht eine Aktualisierung alle paar Tage oder nach größeren Arbeitsschritten.
Welche Daten sollte ich nicht hineinkopieren?
Keine sensiblen Zugangsdaten, API-Keys oder personenbezogenen Daten. Auch vollständige Codeausschnitte oder ganze Dateiinhalte gehören nicht in den Projektkontext — sie machen die Datei unübersichtlich. Das Ziel ist ein klarer, aktueller Stand in wenigen Sätzen pro Feld.
Ist PROJECT_CONTEXT.md Teil des Founder Kits?
Ja. Das AI Founder Kit enthält PROJECT_CONTEXT.md, FOUNDER_DECISIONS.md, START_HERE_FOR_HUMAN.md und START_HERE_FOR_AI.md als vorgefertigte Vorlagen. Die Dateien sind ausgefüllt mit dem Beispielprojekt FeedbackPing, damit man die Struktur direkt sieht, und können für das eigene Projekt angepasst werden. Die Kit-Dateien selbst sind auf Englisch.